17. August 2009

Malstation à la Arno Stern

Vor über zwei Jahren haben wir unsere Malstation à la Arno Stern eingeweiht. Darüber haben wir hier berichtet. Mittlerweile wurden schon sehr viele Bilder damit gemalt und die Kinder sind nach wie vor fasziniert von den Möglichkeiten und der Art, sich ausdrücken zu dürfen. Auch Nalin, welcher vor zwei Jahren noch nicht verstand, dass er den Pinsel nicht von Farbtopf zu Farbtopf tunken durfte, da dadurch die Farben vermischt werden, malt nun mit viel Hingabe und Freude seine kleinen Kunstwerke. Wie ich schon in diesem Blog berichtet habe, nimmt die ‘dienende Haltung’ eine wichtige Rolle ein. Der Forscher und Pädagoge Arno Stern formuliert das so:

“Die dienende Einstellung unterscheidet sich grundsätzlich von einer belehrenden Beziehung zum Kind: Der Dienende im Malort vermittelt kein Wissen. Aber die gründliche Kenntnis des Formulationsablaufes bestimmt seine Haltung: Das Wissen um das Allgemeingültige schützt vor der Versuchung einer Anteilnahme am Persönlichen, vor der Lust, die entstehende Spur zu beurteilen oder gar zu deuten. Es ist zur Ausübung dieses Berufes unentbehrlich; nicht aber eine eigene Erfahrung im Umgang mit Pinsel und Farbe. Hier entsteht ja nicht ein Verhältnis wie zwischen dem vorbildlichen Meister und dem unerfahrenen Lehrling. Dienen heißt, in jedem Moment sich in die Lage aller versetzen, die hier spielen; dafür sorgen, dass sie durch nichts vom Wesentlichen abgelenkt werden; ihnen jede unnötige Mühe ersparen; sie vor jeder materiellen Besorgnis entlasten. Und auch wer nur von der Formulation erfährt, kann nicht mehr, wie so viele es tun, Kinderzeichnungen verbessern, beurteilen, kommentieren, deuten, wie Werke aufnehmen oder gar ausstellen, sondern wird sie als das anerkennen, was allein sie auszeichnet: als ein vom Kind erlebtes Spiel, das keinen Fremden einbezieht. Dieses Dienen ist - zum Unterschied von so vielen Beschäftigungen in unserer Gesellschaft - eine beglückende Tätigkeit, die nie zur Routine erschlafft."

Schön, nicht wahr? Weiter schreibt er:

"Eines Tages ist mir aufgefallen, dass im Malort nicht Ähnliches wie zu Hause, wie in der Schule oder in der Psychologenpraxis entsteht. Anfangs glaubte ich, es läge an der aussergewöhnlichen Qualität der Werkzeuge, die ich den Kindern gab, während sie sonst wo mühsam ein bisschen verwässerte Farbe dem Malkasten abzugewinnen versuchten. Aber daran lag es nicht in erster Linie, sondern an der grundlegend verschiedenen Einstellung zum Malenden. Deshalb entstand hier eine nie zuvor geschehene Äußerung. Wer zu dieser Äußerung kommt, sich von allen Vorbildern und Vorstellungen befreit, hemmungslos die natürliche Spur entstehen lässt, kehrt zu seinem wahren Wesen zurück. Das Formulationsspiel im Malort ist keine Therapie sondern eben Therapie-vorbeugend, weil es Fähigkeiten fördert, die zur Entfaltung und Stärkung der Persönlichkeit führen.”Bild an der Malstation

Und genau in diesem Sinne haben wir die Malstation errichtet. Denn die Philosophie von Arno Stern passt genau zur Philosophie von unserem Bildungsprojekt ‘Pro-Lernen’ und ist bei uns nicht nur auf die Malstation bezogen. Faszinierend dabei ist, dass sein Sohn und seine Tochter nie zur Schule gegangen sind, sich nach dem Prinzip des selbstbestimmten Lernens zu Hause bildeten und heute beide ein selbständiges und erfolgreiches Leben führen. Mit einer Geisteshaltung wie der von Arno Stern kann man gar nicht anders als Unschooling praktizieren!

13. August 2009

Ferienkind Aarone aus Frankreich

Schon der dritte Sommer verbringt ein Mädchen aus einer französischen Grossstadt einige Wochen ihrer Ferien bei uns in der Schweiz. Das erste Mal war Cindy bei uns, das zweite Mal war es Laetitia. Im Idealfall würde jedes Jahr das selbe Mädchen wieder zur selben Familie gehen. Doch nachdem unser erstes Ferienkind Cindy letztes Jahr ihre Verwandten in Afrika besuchen durfte, so hat ihre Mutter dieses Jahr ganz kurzfristig abgesagt, weil sie Angst wegen der Schweinegrippe hatte! Wir bedauerten dies zwar sehr, haben jedoch zugesagt, ein anderes Mädchen bei uns aufzunehmen. Solch eine Zusage ist jedes mal ein Risiko, denn man hat keine Ahnung (ausser Alter und Geschlecht, das man wählen kann), was für einen Charakter das Kind hat, welches man zugeteilt bekommt. Risiko auch deshalb, weil dieses Kind die Umgebung unserer Familie während der Zeit seines Aufenthaltes massiv beeinflusst und mitprägt. Nicht nur, dass es eine andere Sprache spricht und eine andere Hautfarbe hat, ihre ganze Herkunft ist komplett anders als jene von uns. Da gilt es beiderseits Rücksicht zu nehmen, tolerant zu sein, Kompromisse einzugehen. Das ist ein Lernfeld der besonderen Art für alle Beteiligten. Ferienkind Aarone

So ist nun seit über einem Monat Aarone bei uns und wir dürfen mit ihr zusammen eine sehr harmonische und schöne Zeit erleben. Es ist sogar so harmonisch zwischen ihr und unseren Kinder, dass wir ihren Aufenthalt von drei auf sechs Wochen verlängern konnten.  Das heisst aber nicht, dass alles nur perfekt läuft. Es gibt nämlich immer wieder kleine Herausforderungen, welche wir zu bewältigen haben. Doch da ihr Grundwesen wirklich sehr lieb und friedvoll ist, übertrifft das Positive bei weitem. Die Kinder haben es gut miteinander und es gibt nur sehr selten einen kleinen Konflikt. Für Aarone ist das hier bei uns eine Welt, die sie bis jetzt nicht kannte. Es scheint so ziemlich vieles anders zu sein als bei ihr zu Hause in der kleinen Wohnung an schlechtester und lautester Wohnlage mitten in der Betonwüste. So staunt sie z.B. dass wir für ein Geburtstagsfest einen Kuchen backen und nicht kaufen und noch vielmehr staunt sie, dass wir auch ohne speziellen Grund mal einen Kuchen backen. Sie staunt, dass der Fernseher bei uns nicht von morgens früh bis abends spät läuft und unsere Kinder der Fernseher überhaupt nicht interessiert. Sie staunt, dass es direkt hinter unserem Haus Kühe hat und hier so ruhig ist. Sie staunt, dass ich so viel Zeit ins Kochen investiere und noch viel mehr, dass ich auch immer wieder alles aufräume und dass alles so sauber ist. Sie staunt über das Spiel-und Lernangebot und dass unsere Kinder freiwillig lesen, schreiben oder Allerlei lernen. Sie staunt, dass wir so viel Zeit hier zu Hause verbringen und es den Kindern trotzdem nicht langweilig ist und sie staunt, dass sie am Morgen niemanden wecken darf. Sie staunt, dass wir nicht direkt am Meer wohnen (mit dieser Vorstellung ist sie bei uns eingetroffen!) und am Meisten staunt sie, dass unsere Kinder ihren Papa lieben und umgekehrt. Das scheint für sie unvorstellbar zu sein.

Es gibt auch viele Dinge, worüber wir staunen, z.B. über ihre Vorstellung von Ordnung (dieses Wort existiert in ihrem Wortschatz definitiv nicht!), Fernsehschauen, Animation, Ernährung oder Supermarkt, wo wir wirklich sehr weit voneinander entfernt sind. Dies beeinträchtigt aber unsere entspannte Umgebung nicht, weshalb wir das so annehmen wie es ist.

Dass es Aarone bei uns gefällt, manifestierte sie bereits am zweiten Tag ihres Hierseins, indem sie wissen wollte, ob sie in einem Jahr wieder kommen dürfe. Und so wie es im Moment aussieht, würden wir uns alle darüber freuen.